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Eine Skulptur auf Reisen
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Aktion Urolisk
Eine Skulptur auf Reisen

 

Projektbeschreibung der Öffentlichkeitskampagne "Männergesundheit"

Medizinische Aufklärer wollen möglichst viele Menschen dazu bewegen, sich für etwas zu entscheiden (bspw. zur Krebsfrüherkennung zu gehen) und sie wollen, dass diese Entscheidung nicht nur einmal gefällt wird, sondern sich im Bewusstsein tief verankert und somit beibehalten wird. Damit sind die medizinischen Initiatoren mit zwei Problemen konfrontiert.

  1. Wie muss eine Botschaft beschaffen sein, um möglichst viele Menschen zu erreichen? Diese Frage zielt in erster Linie auf die Medien.
  2. Wie entwickelt man den Inhalt einer Botschaft so, dass auch möglichst viele Menschen bereit sind sie aufzunehmen und sich darauf einzulassen?

Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden hat 2002 eine Broschüre herausgebracht, in der sämtliche Kampagnen zur Krebsfrüherkennung der letzten 60 Jahre aufgeführt und in ihrer Wirkung analysiert werden. Das Ergebnis ist ernüchternd. Allen Bemühungen zum Trotz, blieb das Präventionsverhalten der Männer über den gesamten Zeitraum hinweg auf demselben Level: bei ca. 16 Prozent (Wir lassen hier mal die Frauen außen vor, weil deren „medizinische Sozialisation“ in erster Linie durch den Frauenarzt erfolgt und erst in zweiter Linie über die öffentliche Aufklärung, Quote liegt derzeit bei ca. 60 %).

Damit steht die Frage:
Was erklärt dieses Missverhältnis bzw. den Misserfolg?


Man kommt dem Rätsel auf die Spur, wenn man nicht die Männer, sondern die Kampagnen unter die Lupe nimmt. Es fällt auf, dass sie in Sprache und Bild von einem gemeinsamen Gestaltungsprinzip ausgehen: dem Glauben an die Kraft der Information. Informiert man einen Raucher über die Gefahren des Rauchens, macht ihm klar, wie schädlich sein Verhalten ist und bedruckt mit dieser Information die Zigarettenschachtel - dann hört er früher oder später auf. So zumindest die Theorie.

Dieses Dilemma zwischen Anspruch und Wirklichkeit war der Ausgangspunkt für ein Experiment bzw. für ein Vorhaben, dass sich radikal von der Grammatik aller bisherigen Öffentlichkeitskampagnen unterscheiden sollte. Sein zentrales Thema war "Männergesundheit". In dem Zusammenhang sollten auch die Möglichkeiten der modernen Urologie bekannter gemacht werden - insbesondere der zur Früherkennung des Prostatakrebses entwickelte Bluttest "PSA". Soweit zum Inhalt und Ziel des Vorhabens. Die hier entscheidende Sache kommt jetzt: Im Zentrum dieses Vorhabens sollte – entgegen allen bisherigen Kampagnen - keine Informationen stehen, sondern eine Skulptur, und den Grund dafür bildet eine Geschichte.

Reisen wir in die Wüste und zwar zu einer Zeit, als man in Ägypten damit begann riesige Monolithen aus Felsen herauszuschlagen und aufzustellen. Da ihre Achse für die Verbindung zwischen Himmel und Erde stand, werden sie den Sonnengöttern Re und Atum geweiht. Ihr Sockel symbolisiert die Vergangenheit, ihre Mitte die Gegenwart und ihr oberes Drittel weist in das noch Kommende – die Zukunft. Das Objekt selbst ist eine symbolische Einheit, gleich einer arabischen Eins - ein Zeichen, ein Symbol, eine Identität, ein Wille. Seine Form ist phallisch, seine Außenhaut von oben bis unten mit Reliefs verziert. Wir haben es hier gewissermaßen mit einem in Stein geschlagenen Buch zu tun, dessen Botschaften sich in den Himmel strecken. Der Faszination dieser Skulpturen konnte sich nahezu keine Kultur entziehen. Napoleon war der erste, der damit begann sie auf Schiffen nach Frankreich zu entführen. Wir haben es also, trotz ihrer Größe – mit äußerst reisefreudigen Skulpturen zu tun, denn inzwischen zieren sie die bedeutendsten Plätze der Welt: in Rom, in Istanbul, in Paris, in London oder in New York. Ihre Aufstellung, mit gigantischen Holzgerüsten, dicken Tauen, Flaschenzügen und der Kraft vieler Menschen war ein Ereignis für die ganze Stadt.

Das Objekt von dem hier die Rede ist heißt "Obelisk" und damit sind wir schon im Zentrum unserer Geschichte, denn vor unserem geistigen Auge erscheint ein Obelisk der Urologie - ein UROLISK, elf Meter hoch und 4,5 Tonnen schwer; eine Skulptur, die sich genauso auf die Reise machen wird wie ihr ägyptischer Verwandter. Im Gegensatz zu dem muss der Urolisk seine Geschichte allerdings erst noch finden. 96 Tafeln erstrecken sich über seine vier Außenwände. Alle sind leer und warten darauf von Ärzten, Patienten, Selbsthilfegruppen, Politikern und Prominenten beschrieben zu werden - in Form von Reliefs und auf "ägyptisch" natürlich, mit Zeichen und Bildern.

Was sich hier als ein Experiment auf die Reise machte, das zunächst für ein Jahr geplant war, endete schließlich nach dreieinhalb Jahren, im Herbst 2006 und zwar mit Ergebnissen, die weit über das hinausgriffen, was man sich vorgestellt oder erhofft hatte. Der Weg der Skulptur ging durch 13 deutsche und 2 österreichische Städte. Anstatt das Geld in klassische Werbung zu investieren, also in Printanzeigen oder TV-Spots, wurde ein Ereignis gesetzt: die Aufstellung der Skulptur durch die Urologen im Zentrum ihrer Stadt - auf ägyptisch natürlich. Damit korrespondierte man unmittelbar mit dem Interesse der Medien: Es gab eine Geschichte, ein Ereignis und es gab die entsprechenden Bilder dazu. Das Ergebnis spricht für sich: Hunderte von großformatigen Artikeln in Printmedien und unzählige Berichte im Internet und nahezu kein TV- und kein Radiosender, der nicht in dieser oder jener Weise in den entsprechenden Programmen darüber berichtet hätte, wie z.B. Tagesschau der ARD, Abendschau von BR, SWF, NDR, RBB, WDR, MDR und der ORF mit der Zeit im Bild.

Mit der Bekanntheit des Vorhabens verbreiterte sich auch der Kreis seiner Unterstützer, man könnte auch sagen: Die Fangemeinde wuchs rasant! Neben niedergelassenen Ärzten, Klinikern, Wissenschaftlern, der Pharmaindustrie, Selbsthilfegruppen, Krankenversicherungen und gemeinnützigen Institutionen wie dem Deutschen Sportbund oder der Deutschen Krebshilfe, begannen jetzt auch Künstler, Sportler, Politiker und andere Prominente des öffentlichen Lebens sich für das Anliegen einzusetzen, wie etwa Schauspieler Götz George, Fussball-Legende Sepp Maier, Moderator Peter Rapp, Reinhard Messner oder Rosi Mittermaier. Bremens Oberbürgermeister Dr. Henning Scherf, Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, Wiens Bürgermeister Dr. Michael Häupl und der Landeshauptmann von Oberösterreich, Dr. Josef Pühringer, oder Ministerin Maria Rauch-Kallat übernehmen die Schirmherrschaften und stellen ihre Stadt oder Region in das Zeichen der Männergesundheit. Die Industrie stellt Mittel für kostenlose Früherkennungstests und Laboranalysen zu Verfügung. Über 700 engagierter Urologen bringen ihr fachliches Wissen in das Vorhaben ein, legen Hand an bei der Aufstellung der Skulptur, halten Vorträge, führen PSA-Tests durch und diskutieren öffentlich ein bisheriges Tabuthema mit zigtausend von Männern. Auch verborgene Talente kommen zum Ausdruck: Ein Münchner Urologe tritt mit seiner Rockband auf, ein Wiener Urologe zaubert eine Lasershow auf Wasserleinwand...

Gemeinschaft entsteht, wenn die Größe der Aufgabe es erfordert.

Nach dreieinhalb Jahren ist die Skulptur von oben bis unten mit Botschaften, Zeichen und Symbolen beschrieben. Manche, die an der Gestaltung beteiligt waren, sind inzwischen nicht mehr unter uns, haben den Kampf gegen den Krebs verloren, und dennoch haben sie durch ihr sichtbares Engagement Spuren hinterlassen. In Regionen, in denen zuvor Aufklärungskampagnen stattgefunden hatten, konnten die Blut-Tests um dreihundert bis tausend Prozent gesteigert werden. Die absolute Zahl derer, die sich direkt vor Ort für einen Test entscheiden, steigt am Ende des Projekts auf über 15.000. Die Zahl der Tests, die als Folge der Aktion in urologischen Praxen vorgenommen werden, liegt um ein Vielfaches darüber. So hatte bspw. die Stadt Aachen im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung von 300% und das Jahr darauf dann noch einmal um 300%.

Die Skulptur ist nach ihrer dreieinhalbjährigen Reise durch Deutschland und Österreich zu einem Symbol für Männergesundheit geworden. Sie hat einen generellen Diskurs ausgelöst, der weit über den reinen Aktionszeitraum hinausreicht. Sie hat das Selbstverständnis der urologischen Community verändert und den Bekanntheitsgrad der Disziplin und ihrer medizinischen Verfahren auf nationaler Ebene nachweislich erweitert. Sie hat hunderttausende von Männern über das Thema in Kenntnis gesetzt und zehntausende dazu bewogen, sich unmittelbar damit auseinanderzusetzen. Und weil Menschen sich in der Regel gegenseitig mitteilen und damit beeinflussen, hat sie auch einen Keim gelegt, der weiter wächst.

Das Entscheidende aber ist, sie hat diese Resultate erzielt, weil im Zentrum keine Information standen, sondern eine Geschichte und ein Symbol. Beides machte die Inszenierung eines Ereignisses möglich, das gewissermaßen seinen Weg von selbst in die Medien fand.

Übrigens wurde die Skulptur Ende letzten Jahres, nach einer öffentlichen Ausschreibung, der Asklepios-Klinik in Hamburg-Barmbek übergeben. Dort steht sie jetzt, in einem zwanzig Meter hohen Lichthof aus Glas, um das Vergangene zu vermitteln und das Netz des Erinnerns für andere weiterzuspinnen.

Das Projekt wurde in Deutschland mit dem Marketing Gold Award 2005 "Comprix" ausgezeichnet, es erhielt den Österreichischen Staatspreis für Public Relation und den Eventpreis der Stadt Wien.

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