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23. Februar 2005, Neue Zürcher Zeitung, NZZ Online Anmerkung zu einer Studie und falschen SchlussfolgerungenSeit Jahren wird über den Nutzen des prostataspezifischen Antigens (PSA) zur Früherkennung von Prostatakrebs diskutiert. Nun sind neue Zweifel laut geworden, nachdem Forscher festgestellt haben, dass dicke Männer weniger PSA im Blut haben als normalgewichtige. Doch wie steht es um die Relevanz dieses Befundes?
Von Sabine Borngräber *
Der Bluttest zur Früherkennung eines Prostatakrebses ist erneut in Verruf geraten. "Fettleibigkeit kann Prostatatest verzerren" hiess unlängst eine Schlagzeile in der "New York Times". Auch bei Associated Press stellten die Headlines den PSA-Test in Frage. Diese Untersuchung misst die Blutkonzentration des sogenannten prostataspezifischen Antigens (PSA). Eine krebsartig veränderte Prostata produziert bis zu 30-mal mehr von diesem Protein als eine gesunde Drüse. Die Grenze, oberhalb deren eine Biopsie oder eine Ultraschalluntersuchung zur weiteren Abklärung empfohlen werden, liegt bei einem PSA-Wert von 4 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml) Blut.
Unterhalb des Grenzwertes
Die Medienberichte bezogen sich auf die Ergebnisse einer texanischen Forschergruppe, die kurz zuvor in der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift "Cancer" zu lesen waren. Laut der Studie besteht bei Männern ein Zusammenhang zwischen Übergewicht - gemessen als Body-Mass- Index (BMI) - und der PSA-Konzentration. Je fettleibiger die Probanden waren, desto weniger PSA war in ihrem Blut nachweisbar. Die Autoren schliessen daraus, dass bei Übergewichtigen die geringeren PSA-Messwerte einen Krebs "tarnen" und zu einer höheren Sterberate führen könnten.
Bevor allerdings dem PSA-Test das Vertrauen entzogen wird, empfiehlt es sich, die Studiendaten genau anzuschauen. Ins Auge fällt etwa, dass die PSA-Werte für alle Gewichtsklassen weit unterhalb des üblichen Grenzwerts von 4 ng/ml liegen. Normalgewichtige mit einem BMI unter 25 weisen PSA-Spiegel um 1 ng/ml auf, Männer mit höheren BMI-Werten nur geringfügig tiefere Konzentrationen. Dieser schwach absteigende Trend endet bei 0,7 ng/ml bei der Gruppe der extrem Adipösen, die einen BMI über 40 haben. In diese Gruppe - ein Mann von 1,80 Metern Körpergrösse müsste mehr als 130 Kilogramm wiegen - fallen von den 2779 Probanden gerade einmal 3 Prozent. Angesichts dieser Zahlen fragt man sich, welche Relevanz die Studie hat. Zu schlussfolgern, dass ein hoher BMI die Ergebnisse des PSA-Tests verzerrt, scheint jedenfalls unzulässig.
Seit seiner Einführung in den späten achtziger Jahren sind Nutzen und Risiko des PSA-Tests Gegenstand von Kontroversen. Erst im vergangenen Jahr kritisierte Thomas Stamey von der Stanford University anhand von Gewebeanalysen, dass die Mehrzahl der mit Hilfe der PSA-Bestimmung entdeckten Tumore biologisch irrelevant sei. Denn laut Stamey führt das Prostatakarzinom bei den wenigsten Männern zum Tod. 75 Prozent der Krebsgeschwülste sind so klein und wachsen so langsam, dass sie ihren Besitzer nie stören oder gefährden. Demnach sind die meisten Biopsien und Prostataoperationen unnötig.
Doch was machen die 25 Prozent der Männer mit einem klinisch relevanten Prostatakarzinom? Prostatakrebs ist die zweithäufigste Krebs-Todesursache für Männer. In der Schweiz gibt es jährlich etwa 3500 Neuerkrankungen. Obwohl das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, erst ab dem fünfzigsten Lebensjahr rapide ansteigt, trifft er auch jüngere Männer. Vor der Etablierung des PSA-Tests war man auf die Untersuchung der Prostata durch den Enddarm angewiesen. Damals waren nur 25 Prozent der Tumoren zum Zeitpunkt der Diagnose noch auf die Prostata beschränkt, was mit einer schlechten Prognose einhergeht. Mit dem PSA-Test gelingt es inzwischen, mehr als 80 Prozent der Krebserkrankungen vor der Ausbreitung auf angrenzende Gewebe zu entdecken. Das Hauptargument für den Test ist deshalb der beobachtete Rückgang der Mortalität: In den USA ist die Zahl der Todesfälle durch Prostatakrebs seit 1996 um ein Viertel gesunken.
Risikopatienten identifizieren
Der PSA-Test ist eine Vorsorgeuntersuchung. Obwohl der häufigste Grund für einen erhöhten Spiegel eine gutartige Vergrösserung der Prostata ist, kann der Test helfen, Risikopatienten zu identifizieren oder bei einer erblichen Veranlagung die Gefahr eines Tumorwachstums zu überwachen. So kann ein kontinuierlicher Anstieg der PSA- Konzentration ein Anzeichen für die Entwicklung eines Prostatakrebses sein. Zweifellos weist der PSA-Test Mängel auf. Noch ist er aber der einzige Test zur Frühdiagnostik. Gegen die Bestimmung spricht, was zugleich für sie spricht: Wer sie durchführen lässt, muss darauf vorbereitet sein, bei einem erhöhten Wert eine Entscheidung zu treffen - unabhängig vom Körpergewicht. * Die Autorin ist Pharmazeutin und promovierte Biochemikerin. An der University of California in San Francisco studiert sie derzeit die Zellbiologie des Androgen-Rezeptors, der bei Prostatakrebs eine wichtige Rolle spielt. 

(c) 2005 NZZ - Neue Zürcher Zeitung.
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